Tagung am 7./8. Oktober 2023 im Rahmneprogramm 
zur Ausstellung in Schwäbisch Hall

Bei einer wissenschaftlichen Tagung diskutierten in Schwäbisch Hall Fachleute über den aktuellen Stand der Forschung im Fall Unterregenbach. Bei dem vom Historischen Verein für Württembergisch Franken ausgerichteten Symposium wurden zum Teil neue Erkenntnisse präsentiert, bekannte Funde in ein neues Licht gerückt und jede Menge neuer Fragen aufgeworfen. Das Treffen war ein Begleitprogramm zur Ausstellung „Über 1000 Jahre Unterregenbach – Auf archäologischer Spurensuche“, die noch bis Ende des Monats im Hällisch-Fränkischen Museum (HFM) in Schwäbisch Hall zu sehen ist.

In der voll besetzten Hospitalkirche hatten die Expertinnen und Experten sowie viele interessiere Laien in den Vorträgen jede Menge Informationen erhalten, die in Fachgesprächen zwischen den Referaten weiter vertieft wurden. Ausgangslage waren Grabungen vor über 100 Jahren in dem kleinen Ort bei Langenburg, bei denen Überreste einer ungewöhnlich großen Kirche gefunden wurden. Weitere Untersuchungen brachten in der Folge Vorgängerbauten der heutigen Pfarrkirche, mehrere Gräber, einen möglichen Herrensitz sowie Wirtschafts- und Siedlungsareale zum Vorschein. Da es wenig schriftliche Überlieferungen gibt und die Funde alles andere als eindeutig sind, wurde schnell vom „Rätsel von Unterregenbach“ gesprochen.

Gleich im ersten Vortrag sprach Christian Kübler vom Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen, über die spärliche Quellenlage. In den drei bekannten Urkunden aus dem 11. und 13. Jahrhundert wurde nur von „Regenbach“ gesprochen, nicht aber von den dort vorhandenen Bauten. Christian Kübler versuchte aus den schriftlichen Überlieferungen einen vagen regionalen Zusammenhang herauszulesen und die betreffenden Pfarrbezirke zu definieren.

Moritz Foth, der sich als Doktorand seit einem Jahr intensiv mit den Forschungen um Unterregenbach beschäftigt, gab einen Abriss des bekannten Forschungsstands: Die Ursprünge der Anlage gehen wohl bis ins 8. und 9. Jahrhundert zurück und die überregionale Bedeutung Unterregenbachs schwand wohl schon im 11. Jahrhundert wieder. Er gab zu bedenken, dass der bisherige Ansatz, die verschiedenen Gebäude getrennt zu betrachten, nicht mehr haltbar sei. „Wir müssen Unterregenbach als Gesamtanlage denken.“ Dass es sich um einen wie auch immer gearteten geistlichen Komplex gehandelt haben muss, sei zwar logisch, wurde aber in der Wissenschaft nie so gesehen. Die These, dass es sich um einen Herrensitz mit einer Eigenkirche handelte, müsse ebenfalls überprüft werden. Da die damaligen Herrscher ihr Territorium nicht von einem Ort aus regierten, sondern ständig auf Reisen waren, könnte das große steinerne Gebäude auch eine Unterkunft für hochstehende Personen gewesen sein. Bei seinen bisherigen Forschungen ist Moritz Foth auch auf Hinweise gestoßen, dass es bei der Basilika möglicherweise mehr Bauphasen gegeben hat als bisher bekannt war. „Hier sehe ich jede Menge neuer Forschungsansätze.“

Der Gebietsreferent Mittelalter- und Neuzeitarchäologie am Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Olaf Goldstein, hat sich die Erkenntnisse der Grabungen unterhalb der Kirche Sankt Veit angesehen und neue C14-Messungen veranlasst – damit lässt sich das Alter von toten Lebewesen relativ genau datieren. Dabei wurde festgestellt, dass die Vorgängerbauten wahrscheinlich schon im 7. Jahrhundert entstanden und damit mindestens 100 Jahre älter als bisher angenommen sind.

Die spektakulärsten Ergebnisse stellte Christina Wurst von Eurac Research, Institut für Mumienforschung in Bozen vor: Durch aufwändige Gen-Untersuchungen und einem großen Computerpuzzle hat die gebürtige Schwäbisch Hallerin herausgefunden, dass unter den in der Kirche bestatteten Personen ein Mädchen war und dass nur zwei der vier untersuchten Individuen sehr weitläufig miteinander verwandt waren. Damit müsse die langjährige Hypothese verworfen werden, dass es sich in Unterregenbach um eine Eigenkirche handelte, in der die Stifterfamilie begraben wurde. Christina Wurst stellte auch fest, dass die dort begrabenen Menschen nicht von weit hergekommen sind, sondern eher typischen Mitteleuropäern mit heller Haut, blauen Augen und blonden bis braunen Haaren entsprachen.

Dr. Matthias Untermann, Professor für Mittelalterliche Kunstgeschichte der Universität Hamburg, bekräftigte die Idee von einer Herberge für Reiseherrscher in Unterregenbach. Die Basilika dürfte aufgrund der vorgefundenen Stilrichtungen älter als bisher bekannt sein, sie stamme möglicherweise schon aus der Karolingerzeit (9. Jahrhundert) und sei somit ebenfalls um mindestens 100 Jahre älter. Dr. Steffen Patzold, Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen, versuchte die Anlage in Unterregenbach über den Vergleich mit bekannten anderen Kirchen einzuordnen: So könnten die Bauten jeweils andere Funktionen haben, die Basilika beispielsweise eine Konventskirche und die Vorgängerbauten von St. Veit eine reine Begräbnisstätte gewesen sein.

In welchem Kontext Unterregenbach zu sehen ist, beleuchtete Dr. Gerhard Lubich, Professor für Früh- und Hochmittelalter und Historische Hilfswissenschaften der Ruhr-Universität in Bochum: So lag Unterregenbach in einer Region, die damals zwischen verschiedenen Landesherren umstritten war. Der Bau der Anlage könnte darum ein Zeichen gewesen sein, um die eigene Herrschaft über ein fragliches Gebiet zu unterstreichen. Auch die Schenkung im 11. Jahrhundert könnte in diese Richtung gedeutet werden – der Bischof von Würzburg hätte somit einen weiteren Außenposten sein Eigen nennen können.

Als Übergang zum Besuch der Ausstellung im HFM stelle Lars Uwe Bleher, Professor für Emerging Design Technologies und Entwerfen, Fachbereich Architektur, der Hochschule Darmstadt, die Ideen hinter der Präsentation der Funde vor: Die Studentinnen und Studenten konzipierten eine Spurensuche, bei der anhand einzelner Funde auf das große Ganze geschlossen wurde. Die Ausstellung sollte mit neuen Medien vor allem bei Jugendlichen den Spaß an der Archäologie und das Interesse für die Geschichte der Region wecken.

Die Ausstellung im HFM und auch die Tagung des Historischen Vereins für Württembergisch Franken kamen auf Anregung von Christian Neuber zustande: Der ehemalige Verleger von Kinderzeitschriften wurde auf das Ensemble im Jagsttal aufmerksam, gründete die Stiftung Archäologische Erforschung Unterregenbach und sorgte dafür, dass die wissenschaftlichen Arbeiten wieder aufgenommen wurden. Die Tagung in der Haller Hospitalkirche zeigte, dass es nach wie vor mehr Fragen als Antworten zu den Ausgrabungen in dem kleinen Dorf gibt. In den nächsten Jahren werden den Forscherinnen und Forschern jedenfalls die Themen, mit denen sie sich beschäftigen können, nicht ausgehen.